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China: WTO-Beitritt verbessert Chancen für Mittelständler
Das Reich der Mitte öffnet sich
VDI Nachrichten, 13.10.00 -Wenn China Ende des Jahres der Welthandelsorganisation (WTO) beitritt, hoffen deutsche Unternehmen auf ein gutes Geschäft. Doch der Markt bleibt schwierig.
Shanghai kann man lieben oder hassen. Hassen ob der gesichtslosen Hochhausschluchten. Oder lieben wegen seiner eindrucksvollen Wolkenkratzer, die dort wie Pilze aus dem Boden schießen.
Wie kaum eine andere Stadt steht Shanghai für die aufstrebende Wirtschaftsmacht China. Viele sehen das mit l,3 Mrd. Einwohnern bevölkerungsreichste Land der Erde auf dem Weg zur größten Volkswirtschaft der Welt. Sollte die Wirtschaft weiter in Riesenschritten von über 7% im Jahr wachsen, könnte das Reich der Mitte um das Jahr 2035 die USA im Sozialprodukt überholt haben.
Schon heute ist China die siebtgrößte Wirtschaftsmacht der Welt. Ein riesiger Wirtschafts-Kuchen wartet in China darauf, verteilt zu werden. Für ausländische Unternehmen war es bisher jedoch schwierig, ein Stück abzubekommen.
Das könnte sich bald ändern. Denn voraussichtlich Ende des Jahres wird das Land der Welthandelsorganisation (WTO) beitreten und seinen riesigen Markt öffnen. Sobald China WTO Mitglied ist, treten rund 80 zuvor zwischen der Volksrepublik und anderen Mitgliedern geschlossene Verträge in Kraft. Durch die "Meistbegünstigungsregel" gelten die Bedingungen jedes Vertrags für alle WTO-Länder.
Besonders wichtig für deutsche Unternehmen sind die zwischen China und der Europäischen Union sowie zwischen China und den Vereinigten Staaten getroffenen Vereinbarungen. Was wird sich konkret ändern? Hier einige der wichtigsten Regelungen:
- China senkt die Einfuhrzölle auf viele Waren ganz erheblich. So fällt beispielsweise die Abgabe auf Maschinen von 35 % auf 10 %, die Abgabe auf Autos von momentan 80% auf 25%.
- Autohersteller benötigen künftig nicht mehr eine Einzellizenz für jedes produzierte Modell.
- Motorenhersteller, Kaufhäuser, Steuer- und Managementberater können künftig auch ohne chinesische Partner im Land tätig werden.
- Ausländische Experten für chinesisches Recht dürfen künftig ihre Dienste in der Volksrepublik anbieten.
- Bei der Vergabe öffentlicher Aufträge verpflichtet sich die Regierung getreu den WTO-Regeln zu Transparenz und Gleichbehandlung aller Bewerber.
- Das Staatsmonopol auf den Import von Dünger und Öl wird aufgehoben. Ausländische Firmen müssen ihre Produkte nicht mehr über staatliche Mittelsmänner verkaufen. Außerdem wird das Exportmonopol des Staats auf Rohseide abgeschafft.
Den Markt für Telekommunikation öffnet China sogar zwei Jahre früher als ursprünglich vorgesehen. Nach dem WTO-Beitritt dürfen ausländische Investoren nun 25 % an lokalen Mobilfunkanbietern erwerben. Nach drei Jahren kann der Anteil auf bis zu 49 % steigen. Nach einer Übergangsfrist von drei Jahren dürfen ausländische Firmen Netzkapazitäten von chinesischen Anbietern mieten und weitervermieten.
Der chinesische Telekommunikationsmarkt ist einer der dynamischsten der Welt. "Der Markt entwickelt sich mit einer ungeheueren Geschwindigkeit Die derzeit 127 Mio. Festnetzanschlüsse und 60 Mio. Mobilfunkanschlüsse sollen innerhalb von fünf Jahren auf 600 Mio. Anschlüsse anwachsen. Für europäische Unternehmen ist diese Situation besonders attraktiv, weil der hiesige Markt sich bereits in einer Sättigungsphase befindet, erklärt Christian Pfalz von der Münchner Unternehmensberatung China Consulting Dr. Rummel & Partner.
Allerdings müssen sich Investoren beeilen. Denn bereits in zwei Jahren könnte auch China flächendeckend mit Festnetzanschlüssen und Handys versorgt sein.
Neue Chancen und verbesserten Marktzugang für deutsche Investoren sieht auch der Ostasiatische Verein (OAV) in Hamburg, der als Ansprechpartner für die deutsche Asienwirtschaft fungiert Trotzdem: Vor allem Neueinsteiger werden es auch in Zukunft nicht leicht haben, sich in Fernost zu behaupten. "Der chinesische Markt bleibt komplex und teilweise schwer durchschaubar" meint Dr. Thomas Sturm, Chinaexperte des OAV So sei zum Beispiel der Schutz geistigen Eigentums noch nicht zufriedenstellend geregelt.
Sturm rät Unternehmen mit China-Ambitionen, sich Rat von Experten zu holen und Geduld zu haben. "Das Land steht vor einer tiefgreifenden Reform, die mehrere Jahre dauern wird."
Mit dem WTO-Beitritt steht China vor dem Sprung in die Marktwirtschaft. Der dürfte nicht ohne Härten abgehen. Marktöffnung und Sanierung der maroden Staatsbetriebe werden Millionen Arbeitsplätze vor allem im öffentlichen Sektor, in der Textilindustrie und im Agrarbereich vernichten. Die chinesische Automobilindustrie wird die Marktöffnung kaum überleben.
Was der Liberalisierungskurs letztendlich für China bringt, hängt auch vom Geschick der Regierung in Peking ab, die sich gegen heftigen innenpolitischen Druck behaupten muss. Gelingt der Wandel wird China mittelfristig wettbewerbsfähiger, technologisch moderner und pluralistischer, hoffen Experten. Misslingt es, wird das Land korrupter, sozial instabil, und die Politik wird wieder stärker in die Wirtschaft eingreifen.
Mit politischen Problemen muss sich die Internet-Branche herumschlagen. 1999 waren bereits 8,9 Mio. Chinesen online - vier Mal mehr als ein Jahr zuvor. Aber die Versuche der Regierung, das World Wide Web zu bändigen, machen nicht nur den Bürgern, sondern auch den Unternehmen das Leben schwer. So müssen zum Beispiel Anbieter, die verschlüsselte Mitteilungen über das Internet senden, die entsprechende Software mitsamt dem dazugehörigen Code bei einer Behörde hinterlegen. Damit hat der Staat Zugriff auf alle über das Internet versandten Informationen.
Außerdem sollen demnächst Provider dazu verpflichtet sein, den Zugang ihrer Nutzer zu verbotenen Websites, Newsgroups und Chatrooms zu unterbinden, die entsprechenden Daten zu speichern und den Behörden zu melden. In Shanghai soll zudem der Zutritt von Jugendlichen zu Internet-Cafes eingeschränkt werden.
Trotz solcher politisch motivierten Störfeuer sehen deutsche Chinaexperten überwiegend optimistisch in die Zukunft. "China wird sich in den kommenden Jahren zu einem der größten Internetmärkte Asiens entwickeln. Großes Zukunftspotenzial für Unternehmen liegt insbesondere im Business-to-Business Bereich", erklärt Monika Stärk, Sprecherin des OAV. "Allerdings bestehen rechtliche Grauzonen. Jedem im Chinageschäft aktiven Unternehmen ist die Rechtsunsicherheit auch aus anderen Bereichen gut bekannt."
SILKE LINNEWEBER
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